Psssttt!

Wenn wir es in unserem vollgepackten Leben mal schaffen, für einen kurzen Moment innezuhalten, können wir ungewöhnliche und seltene Dinge beobachten. So entdeckte neulich unsere 5-jährige Tochter vom Küchenfenster aus ein Eichhörnchen – just als es sich den Kletterturm der Kinder als Ort für seine Abenteuer aussuchte. Während das kleine „Flugwunder“ mit den dunklen Knopfaugen und dem buschigen Schwanz den Geländer-Parcour im Obergeschoss mit Bravour bestand, war die nächste Disziplin „Dach-Erklimmen“ nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Klappte das „Senkrecht-den-Pfosten-hochrennen“ als Start des neuen Abenteuer-Abschnitts noch problemlos, so war der zweite Teil „um-die-Ecke-auf-das-Dächlein-springen“ irgendwie zum Scheitern verurteilt. Das 400g-leichte Fellbündel fiel zurück auf’s Geländer. Autsch! Macht nix, muss die Indianer-Ausgabe gewesen sein. Weiter geht’s zur blauen Rutsche. Nach einer kleinen Verschnaufpause – nee, doch lieber nicht! Die Rutschen–Übung bleibt für den nächsten Besuch. Nächster Balance-Akt über einen schräg nach unten führenden „Holzpfad“ läuft wieder wir geschmiert. Dann allerdings bleibt der kleine Räuber lange sitzen und blickt auf das nächste Abenteuer: die Schaukel. Leicht wiegt die rote Sitzfläche an den Seilen im Wind. Man kann das Abwägen regelrecht spüren. Welchen Weg wird es nehmen? Sprung auf die Sitzfläche? Oder doch lieber die Seilvariante? Kennt das Eichhörnchen Intuition oder entscheidet es mit dem Kopf? Während die Spannung noch in uns knistert, dreht sich das kleine Bündel um, klettert den Turm hinunter und läuft in den Wald, um sich einer seiner Lieblingsübungen zu widmen. Denn eines kann es definitiv: große Sprünge von einem Ast zum anderen. Dass dabei der ein oder andere Sprung schon mal daneben geht, steht dabei außer Frage.

Jeder von uns trifft täglich Entscheidungen – mal mit mehr, mal mit weniger, manchmal mit richtig großer Tragweite. Ob ich mich entscheide früh aufzustehen und Sport zu machen oder in einem anderen Land eine Existenz aufzubauen macht im Prinzip wenig Unterschied. Selbst entscheiden zu können ist ein Geschenk. Es heißt nämlich, dass wir ganz nach unseren Wünschen und Vorstellungen unser Leben gestalten können wie uns das passt. Wenn wir lernen diese Gabe großzügig einzusetzen, können wir damit für uns und andere in unserem Umfeld sehr viel bewirken. Es heiß aber auch, dass wir dafür Verantwortung übernehmen und mutig vorangehen müssen. Doch woher nehme ich die Sicherheit, dass ich richtig entschieden habe? Und wer sagt mir was richtig ist? Fehler sind ja schließlich sowas von uncool. Waren wir früher noch bereit auszuprobieren, nehmen wir heute doch so gerne das iPad in die Hand und googeln uns durch Erfahrungen anderer Menschen. Ob das cooler ist? An der eigenen Erfahrung kommen wir ohnehin nicht vorbei.

Selbst entscheiden zu dürfen schließt auch das Recht ein, dann beherzt „Nein“ zu sagen, wenn ich es für angebracht halte. Davon allerdings, machen wir eher weniger Gebrauch. Dabei würde es uns doch so gut stehen zu fokussieren und in Balance zu bleiben. Leider müssten wir damit auch von zwei uns lieb gewonnenen Dingen Abschied nehmen: von der Fremdbestimmung und davon, es allen anderen Recht machen zu wollen. So einfach ist das. Was sich allerdings beim ersten Mal noch etwas ungewohnt anfühlt, wird mit zunehmender Übung zur Selbstverständlichkeit.

Probieren Sie doch bei Gelegenheit die Eichhörnchen-Strategie! So ganz old-fashioned ohne Internet & Co., entspannt hinsetzen und die Situation analysieren. Und dann legen Sie akrobatisch Ihr Ohr auf den Bauch, um in sich reinzuhören! Fühlen Sie wohlige Wärme oder hören Sie eher lautes Grummeln? Wenn wir wieder lernen unserem Ur-Instinkt zu vertrauen, werden wir irgendwie das Gefühl nicht los, anders entschieden zu haben …

Danach können Sie beherzt und mit Herz zum Sprung ansetzen. Sollten Sie dabei den nächsten Ast verfehlen, stehen Sie schnell wieder auf. Denn oben kreisen schon die Adler und warten auf Ihren Fehltritt. Aber keine Bange, in den meisten Fällen wird die intuitive Entscheidung Sie sauber durch den Dschungel führen – Ast für Ast,  Baum für Baum.

P.S. Liebe Männer: Intuition lässt sich leider nicht logisch erklären. Deshalb heißt es auch DIE Intuition. Und wie Sie sich sicherlich denken können, haben wir Frauen nichts dagegen, wenn Sie davon reichlich Gebrauch machen. Herzlich Willkommen: Das neue Jahrhundert ist weiblich!